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Plattformökonomie im Mittelstand: Expertengespräch mit cirplus

Symobolbild für die Kreislaufwirtschaft mit Elementen aus der Natur

In unserer Reihe „Plattformökonomie im Mittelstand: Expertengespräche“ interviewte die Offene Werkstatt Leipzig des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums eStandards fünf Plattformunternehmen über die Chancen und Herausforderungen beim Aufbau plattformbasierter Geschäftsmodelle. Das zweite Unternehmen, mit dem gesprochen wurde, ist: cirplus.

Die Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) zeichnet sich dadurch aus, dass der Wert von Produkten, Komponenten und Materialien durch das regenerative Design so lange wie möglich weiterverwendet und somit erhalten bleibt (Kenniskaarten 2018). In zirkulären Geschäftsmodellen, die auf diesem Konzept basieren, werden Produkte folglich am Ende ihres Lebenszyklus nicht entsorgt, sondern weiterverwendet, um zusätzlichen Wert zu schaffen (European Commission 2018). Die Plattformökonomie kann solche zirkulären Geschäftsmodelle unterstützen, indem sie unter anderem den Einkauf und Vertrieb von recycelten Materialien über digitale Marktplätze transparent und übersichtlich ermöglicht. Dieses Ziel hat sich auch das Hamburger Unternehmen cirplus mit dem Aufbau eines digitalen Marktplatzes für recycelte Kunststoffe, sogenannten Rezyklaten, gesetzt.

cirplus – der digitale Marktplatz für den Handel mit Rezyklaten

Wir haben im Interview mit der cirplus GmbH über die Beweggründe zum Aufbau einer solchen Plattform sowie über die Erfahrungen des Unternehmens in der Weiterentwicklung des Geschäftsmodells gesprochen.

Was waren die Beweggründe für den Aufbau der Plattform?

Die Gesellschaft steht langfristig vor der Herausforderung, den Lebenszyklus von Materialien, wie beispielsweise Kunst- oder Baustoffen, zu verlängern und somit zu verhindern, dass entsprechende Abfälle falsch entsorgt werden oder die Umwelt verschmutzen. Bisher hatten Unternehmen wenig Anreize, recycelte Materialien für ihre Produktion zu nutzen, da diese im Einkauf häufig teurer als neue Materialien sind. Die geringe Nachfrage führte zu geringen Investitionen in diesem Bereich, weshalb nur wenige Anbieter hochwertiger recycelter Materialien auf dem Markt vertreten sind. Neue Regularien, wie zum Beispiel der European Green Deal (2019) oder die Kunststoffabgabesteuer (2020), fordern jedoch von der herstellenden Industrie, aber auch von kleinen und mittelständischen produzierenden Unternehmen, vermehrt recycelte Materialien einzusetzen. Das Ziel von cirplus ist es daher, den Handel mit recycelten Kunststoffen durch die Digitalisierung des Einkaufs- und Vertriebsprozesses zu fördern sowie Verfügbarkeiten und Materialtypen der recycelten Ressourcen transparent und übersichtlich abzubilden. Der digitalisierte Beschaffungsprozess ermöglicht es, insbesondere auch KMU, Einkaufskosten einzusparen, indem die Plattform beispielsweise die Qualität der Materialien sicherstellt und zusätzliche Lieferanten sichtbar macht.

Wie wurde die Plattform aufgebaut? Wie funktioniert sie?

Cirplus ist ein digitaler Marktplatz, auf dem Nutzer:innen sowohl Angebote für Rezyklate offerieren, als auch Anfragen für diese stellen können. Um die Qualität der Transaktion gewährleisten zu können, verifiziert das Unternehmen jeden Teilnehmenden der Plattform manuell, bevor eine Transaktion durchgeführt werden kann. Dabei wird geprüft, ob alle Daten des Unternehmens richtig hinterlegt sind und ob ein Handelsregistereintrag vorliegt. Zusätzlich haben die Kund:innen auch die Möglichkeit, im Zuge einer Transaktion mit dem Anbieter in direkten Kontakt zu treten. Da die angebotenen Mengen und Verfügbarkeiten der Materialien variieren können, erhalten Nutzer:innen über die Suchmaske der Plattform Angebote verschiedener Anbieter. Jedes Produkt wird auf dem Marktplatz mit entsprechenden Datenblättern und Produktinformationen gelistet, um die Beschaffenheit der Materialien möglichst transparent zu kommunizieren und sie vergleichbar zu machen. Zur Unterstützung der Transaktion zwischen den Nutzer:innen bietet die Plattform weitere Leistungen bzw. Funktionen, unter anderem in den Bereichen Logistik, Kreditversicherung und Kommunikation an. Die Plattform befindet sich aktuell noch in der Testphase, d. h. die Leistungen der Plattform sind für ihre Nutzer:innen zum aktuellen Zeitpunkt noch kostenlos. Dies finanziert die Plattform mit Hilfe von Beteiligungskapital.

Weitere Interviews der Reihe „Plattformökonomie im Mittelstand: Expertengespräche" im Überblick: FACTUREE – die Plattform für die digitalisierte Beschaffung von Fertigungsteilen

Welche spezifischen Kenntnisse, Fähigkeiten oder Ressourcen sind relevant für den Aufbau eines plattformbasierten Geschäftsmodells?

Im Gespräch mit cirplus wurde deutlich, dass relevante Marktkenntnisse für den Aufbau einer erfolgreichen Plattform von wesentlicher Bedeutung sind. Da die Gründer des Unternehmens im Vorfeld wenig Berührungspunkte zur Recyclingbranche hatten, eigneten sie sich zunächst notwendiges

Wissen über spezielle Pilotprogramme mit Unternehmen aus der Branche an. Diese Projekte erleichterten den Gründern den Zugang zur Industrie. Gemeinsam mit Anwendern entlang der Wertschöpfungskette, wie zum Beispiel kunststoffherstellenden und recycelnden Unternehmen, wurden Herausforderungen und Pain Points identifiziert und Ideen für eine potenzielle Plattform diskutiert. Aufbauend auf den Ideen wurde die Plattform speziell entwickelt, um diese Herausforderungen der Industrie zu adressieren. Das Unternehmen führt die Pilotprogramme auch weiterhin kontinuierlich fort, um die Plattform weiterzuentwickeln und die Anforderungen und Bedürfnisse der Industrie umfassend zu berücksichtigen. Wesentlich für den Aufbau der Plattform waren außerdem das technische Know-how sowie die frühe Prüfung der technischen Machbarkeit der konkreten Umsetzung. Mit Hilfe von Venture Capital (Wagniskapital) konnte die Plattform zudem ohne unmittelbaren Monetarisierungsdruck aufgebaut werden. Dies ermöglicht der Plattform, zunächst eine ausreichende Marktdurchdringung zu erreichen. Eine entsprechende Monetarisierungsstrategie ist jedoch in Zukunft geplant, sobald die Plattform eine ausreichend große Zahl an Nutzer:innen generiert hat und das Plattformkonzept etabliert ist. Darüber hinaus ist geplant, die cirplus-Plattform künftig um zusätzliche Dienstleistungen und Funktionen zu erweitern.

Was waren Herausforderungen für den Aufbau der Plattform?

Fehlende Klassifizierungsstandards im Handel mit recycelten Materialien führen häufig zu Kommunikationsproblemen zwischen Anbietern und Nachfragern hinsichtlich der Qualität der gehandelten Materialien. Hinzu kommt, dass hochwertige recycelte Materialien im Vergleich zu Neuware oftmals deutlich höher bepreist werden, obwohl es an Informationen über die Beschaffenheit der Rezyklate mangelt. Cirplus hat sich aus diesem Grund in einem Konsortium zur Etablierung einer DIN-SPEC engagiert. Das Konsortium besteht aus 16 Mitgliedern der Wertschöpfungskette für recycelte Kunststoffe, wie zum Beispiel Der Grüne Punkt, Remondis und Greiner. Die DIN-SPEC 91446 soll ein System zur Klassifizierung von recycelten Materialien auf Basis von verfügbaren Daten definieren. Der deutsche Standard wird am 30. Oktober 2021 veröffentlicht und richtet sich an Kunststoffverarbeitende, Recycler und Entsorger. Er beinhaltet Richtlinien für die Kennzeichnung von Rezyklattypen sowie des -gehalts und definiert Leitlinien zur Charakterisierung von Kunststoffabfällen. Diese Kennzeichnung erhöht die Transparenz über die Materialbeschaffenheit durch sogenannte „Data Quality Levels“, die als Gütesiegel die schnelle Begutachtung der Qualität ermöglichen und somit den (digitalen) Handel entlang der Wertschöpfungskette vereinfachen und transparenter gestalten. Der neue Standard wird nach seiner Veröffentlichung auf dem cirplus-Marktplatz integriert. So werden zum Beispiel DIN-konforme Produktdatenblätter und Formulare zur Angebotserstellung bereitgestellt sowie ein Partner-Prüflabor an das Plattform-Netzwerk angeschlossen, über das die gehandelten Materialien DIN-zertifiziert werden können.

Quellen:

European Commission 2018 (Quelle offline: 19.11.2021) 
Kenniskaarten 2018: https://kenniskaarten.hetgroenebrein.nl/en/knowledge-map-circular-economy/what-is-the-definition-a-circular-economy/ 

Zum Expertengespräch: https://www.estandards-mittelstand.de/fileadmin/user_upload/Materialien/Sonstiges/211004_EG_cirplus.pdf 

Autorin: Sarah Kilz/Claudia Vienken 

© Shirley Hirst/pixabay.com

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